Ehemals drei Widnmann'sche Nischenfiguren an der Außenfassade der Glyptothek in München

An der West-, Süd- und Ostfassade der Glyptothek befanden sich ursprünglich
18 Nischen, je sechs Nischen pro Seite. In diesen Nischen wurden kolossale Marmorstatuen aufgestellt, die Bildhauer zeigten. Sie erzählten die Geschichte der Bildhauerkunst in Bezug auf das Wiedererwachen der Antike. Die Verteilung auf drei Fassaden entspricht hierbei einer Gliederung in drei Epochen: Antike, Renaissance und Gegenwart. Da der Bauherr König Ludwig I. von Bayern vorgab, dass das Gebäude im reinen griechischen Stil zu planen sei, kam es folglich dazu, dass die Statuen in griechischem Gewandt erarbeitet wurden. Die Fertigstellung der Figuren zog sich von 1816 bis 1862 hin. Neun Bildhauer aus zwei Generationen waren hauptsächlich daran beteiligt: Friedrich Brugger, Johann Nepomuk Haller, Joseph Lazzarini aus Carrara, Johann Leeb, Arnold Hermann Lossow, Ludwig Schaller, Peter Schöpf, Bertel Thorvaldsen und Max von Widnmann.

Von den insgesamt 18 kolossalen Figuren sind drei im Zweiten Weltkrieg zerstört worden, alle Modelle waren im Erdgeschoß der Alten Pinakothek gelagert und gingen dort 1944 verloren oder wurden ebenso zerstört.

Foto links: Kopf der urspr. Rauch-Statue von Max von Widnmann; © Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek München, fotografiert von Christa Koppermann.
Foto rechts: Jetztige Nischenfigur Rauchs von Eberhardt Luttner, © Herbert Stolz.

Rauch-Statue an der Westfassade

Als Widnmann um 1855 den Auftrag erhielt, den Bilderhauer der Gegenwart, Christian Daniel Rauch (1777-1857) zu modellieren, da stellt sich die Frage, in welchem Alter Rauch dazustellen sei.

Max von Widnmann schrieb am 23. Dezember 1855 folgendes in einem Brief an König Ludwig I. von Bayern:
„Ich habe nun das Modell der mir von E.M. allerhuldvollst aufgetragenen Statue des Bildhauers Rauch einstweilen ... der Vierteile von der wirklichen Größe, in Ton angefangen. Ehe ich jedoch weiter gehe wage ich es mich an E.M.K. zu wenden, um einen Zweifel der in mir aufgestiegen ist zu berichtigen. Ich habe nämlich durch Herrn Direktor Zimmermann die Portraitbüste Rauchs erhalten, welche E.M. von Berlin zugesendet wurde. Diese Büste trägt das Datum 24. Aug.1828, und ist gewiß zu jener Zeit sehr ähnlich gewesen, Seitdem sind aber 27 Jahre verflossen, und Rauch macht heutzutage einen ganz anderen Eindruck als damals.“

Widnmann schildert weiter, dass er Rauch im Vorjahr in München getroffen habe und ihn anhand der Büste nicht erkannt hätte. Widnmann bittet den König um eine Entscheidung, in welchem Alter Rauch nun dazustellen sei. Es blieb bei der Büste Rauchs von 1828, wie im Brief erwähnt, da diese sowohl Rauch gefiel als die „ähnlichst anerkannte Büste“, als auch dem König.
Widnmann modellierte nicht nur Rauch, sondern erarbeitete ihn auch in Marmor.

Bei der Aufstellung des Rauch-Standbilds am 3. Dezember 1857 war der Abgebildete in München mit dabei. Stunden später ist dieser jedoch verstorben. Von der Rauch-Skulptur ist nur noch der Kopf erhalten, alles andere wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Der Kopf befindet sich in der Glyptothek.
Heute steht in dieser Außennische eine Neuschöpfung Rauchs des Münchner Bildhauers Eberhardt Luttner.

Foto links: Widnmanns Antonio Canova; © Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek München, fotografiert von Christa Koppermann.
Foto rechts: Widnmanns Michelangelo; © Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek München, fotografiert von Christa Koppermann.

Antonio Canova

Antonio Canovas Arbeit schätze König Ludwig I. sehr, seine Skulptur der „Hebe“ (Göttin der Jugend) entfachte Ludwigs Begeisterung für die Bildhauerei. Ein Selbstbildnis Canovas soll Max Widnmann als Vorbild für die Canova-Skulptur, die er anfertigen durfte, gedient haben. König Ludwig I. besuchte Widnmann häufig in seinem Atlier, um das Fortschreiten der Arbeit zu beobachten – er liebte die Kontrolle der künstlerischen Arbeiten. Und oftmals brachte der königliche Besuch einiges mit sich.

Aus einem Brief von Widnmann an den König vom 10. April 1856 ist folgendes zu entnehmen:

„E.K.M. äusserten bei der allergnädigsten Besichtigung des Entwurfes der mit allerhuldvollst aufgetragenen Statue Canovas den Wunsch, dass statt des angebrachten Emblems der von Canovas Hand herrührenden, in der Glyptothek befindlichen Statue der Venus, der in derselben Sammlung vorhandene Statue des Paris beigegeben werde. Da ich kein heiligeres Streben kenne, als die Wünsche E.M. zu erfüllen, so bemühe ich mich diese Abänderung an meiner Skizze vorzunehmen, bin jedoch zu der Überzeugung gelangt, dass es nach den Gesetzen künstlerischer Komposition, unmöglich ist, diese Embleme zu vertauschen, ohne den ganzen Rhythmus der gegenwärtigen Komposition zu zerstören. Gestatten mir E.K.M. meine Gründe in tiefster Ehrfurcht anzuführen. Als ich den Auftrag erhielt, die Statue Canovas herzustellen, stand die ganze Komposition gleich fertig vor meinen Augen. Ich dachte mir ihn mit der rechten Hand auf einem Postament gestützt, die Linke leicht in die Seite gestützt, das Haupt sinnend nach oben gewendet. Als Beigabe, und um ihn kenntlich zu machen wollte, ich auf dem Postamente eine seiner Arbeiten aufstellen, gleichsam als wenn er unter der Arbeit einen Augenblick ruhte. Ich wählte von vornherein gleich die Venus, indem sie mir zur Gruppierung des ganzen am besten zu passen schien, und zugleich als ein in dem selben Gebäude, an welchem die Portraitstatue angebracht werden konnte. Soll nun statt dieser Statue des Paris angebracht werden, so ist die Harmonie des Ganzen gestört, und da die Grundbedingungen geändert sind, so ließe sich dieses nicht leicht bewerkstelligen, ohne die ganze Figur zu verändern, respektive anders zu denken.“

Widnmann erarbeitet das Modell, die Ausführung in Marmor wurde Arnold Hermann Lossow übertragen und 1857 fertiggestellt.

"... was wollte ich armer Teufel sagen?"

so schrieb Widnmann in seinen Erinnnerungen über die Tatasche, das König Ludwig I. zwar interessante Aufträge vergab, aber sich dann oft so sehr in die künstleriche Arbeit einmischte und am Ende gar das Beste der bildhauerischen Arbeit, das Umsetzten und Übertragen des Modells in Marmor, an einen anderen Bildhauer übertrug. Wie bei Canova, Bologna und Michelangelo für die Glyptothek geschehen.

Michelangelo – Nischenfigur der Glyptothek

Das Gipsmodell Michelangelos von Max Widnmann ist das einzige des gesamten Skulpturenschmucks der Glyptothek, das noch erhalten ist. Das Modell Widnmanns wurde von Lossow in Marmor ausgeführt.

Giovanni di Bologna

Am 27. Mai 1862 wurde die Statue von Giovanni di Bologna – entworfen von Widnmann – zusammen mit Benvenuto Cellini – entworfen von Widnmanns Schwager Friedrich Brugger – in den Glyptothek-Nischen aufgestellt. Beide Figuren wurden von Arnold Hermann Lossow in Schlanders-Marmor umgesetzt.

Steckbrief

Michelangelo

Nicht mehr vorhanden
Aufstellung: 1859
Urspr. Standort: Westfassade
Auftraggeber: König Ludwig I. von Bayern
Modell: Max von Widnmann
Ausführung: Arnold Hermann Lossow
Material: Marmor
Maße der Nischen: 3,15 m hoch, 1,48 m breit, 0,75 m tief
Maße der Statuen: 2,35 m hoch, 0,90 m breit, 0,70 m tief (ohne Basis und ca.)
Maße der Basis: ca. 22 cm hoch

Giovanni Bologna

Nicht mehr vorhanden
Aufstellung: 1862
Urspr. Standort: Westfassade
Auftraggeber: König Ludwig I. von Bayern
Modell: Max von Widnmann
Ausführung: Arnold Hermann Lossow
Material: Marmor
Maße der Nischen: 3,15 m hoch, 1,48 m breit, 0,75 m tief
Maße der Statuen: 2,35 m hoch, 0,90 m breit, 0,70 m tief (ohne Basis und ca.)
Maße der Basis: ca. 22 cm hoch

Antonio Canova

Nicht mehr vorhanden
Aufstellung: 1859
Urspr. Standort: Ostfassade
Auftraggeber: König Ludwig I. von Bayern
Modell: Max von Widnmann
Ausführung: Arnold Hermann Lossow
Material: Marmor
Maße der Nischen: 3,15 m hoch, 1,48 m breit, 0,75 m tief
Maße der Statuen: 2,35 m hoch, 0,90 m breit, 0,70 m tief (ohne Basis und ca.)
Maße der Basis: ca. 22 cm hoch

Christian Daniel Rauch

Nur noch Kopf erhalten
Urspr. Standort: Ostfassade
Aufstellung: 1857
Auftraggeber: König Ludwig I. von Bayern
Modell: Max von Widnmann
Ausführung: Max von Widnmann, sein Schüler Braig
Material: Marmor
Maße der Nischen: 3,15 m hoch, 1,48 m breit, 0,75 m tief
Maße der Statuen: 2,35 m hoch, 0,90 m breit, 0,70 m tief (ohne Basis und ca.)
Maße der Basis: ca. 22 cm hoch